Jubiläumsgedanken

Auch wenn es noch nicht November ist, seit einiger Zeit will ich etwas schreiben, was vielleicht zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls passt. Etwas, an das ich jedesmal denken muss, wenn ich aus der Stadt raus fahre. Wirklich jedes Mal.

Ich bin in Berlin zwar nicht geboren, aber aufgewachsen seit ich sechs Jahre alt war. Also vollständig in dieser Stadt sozialisiert. Und wie für jeden, der vor 1989 hier groß geworden ist, so war auch für mich die Mauer etwas völlig normales. Sie war da, sie gehörte dazu. Wenn ich auf dem Balkon unserer Wohnung im achten Stock stand, dann konnte ich sie recht nah sehen, auch den breiten Streifen dahinter, in dem nichts war, nichts außer Türmen in regelmäßigen Abständen, einer Straße und sehr selten mal einem Fahrzeug. Die einzige Blickrichtung übrigens, die so etwas wie Horizont bot. Der Sonntagnachmittagspaziergang führte meistens an der Mauer entlang, weil da das wenige Grün der Gegend war und außerdem kam man da zum Reiterhof.

In der Schule lernte man etwas darüber, warum die da stand und was sie bedeutete. Nicht, dass ich mich aktiv daran erinnern könnte, das gelernt zu haben, aber es wird schon so sein. Aber bitte: die war vor meiner Geburt gebaut worden, also war sie quasi antik, nicht wahr? Normal eben.

Später hatte sie nützliche Seiten: man konnte sich in Berlin nie verfahren. Im Zweifel fuhr man in irgendeine Richtung bis zur Mauer und daran entlang, bis man wieder wußte, wo man war.

Bei jedem Besuch der Familie in Wessiland (bitte: das hieß einfach so. Das war nicht wertend. Aber alles was nicht Berlin und nicht DDR war, das war Wessiland. Punkt.) gab es dieses Zeremoniell: Schon bei der Abfahrt die Frage „habt Ihr alle eure Ausweise dabei? Gebt mal alle her“. An der Grenzkontrolle stand man immer mindestens 15 Minuten. Und wenn man das einzige Auto war, 15 Minuten wurde gewartet. Ich sehe noch die Schlangen vor mir, bei der Anfahrt das Ratespiel, wo mag es heute am schnellsten gehen? Dann die Ermahnung der Eltern „setz dich gerade hin, mach keinen Unsinn, lach nicht“. Etwas, dass die Stimmung vielleicht am besten beschreibt, dieses „lach nicht“. Lachen war suspekt, nicht freundlich. Die Grenzbeamten lächelten nie. Wenn man auf die Frage nach dem Reiseziel etwa wagte zu antworten „Helmstedt“, dann wurde man angeschnautzt „Sie meinen wohl den Grenzübergang Marienborn“  – und wartete noch 20 Minuten mehr. In den allermeisten Fällen ging es dann schnell; rausgewunken und durchsucht wurde nur selten, aber ein paar Mal hatten wir auch das.

Im Transitgebiet dann immer die Frage „an welchem Intershop halten wir diesmal?“. Etwas, das für mich für immer mit dem Namen Michendorf verbunden sein wird. Das fahren im eisernen Tempolimit, mit ständigem Gucken nach versteckten Kontrollfahrzeugen. Und es gab sie immer. Hinter Brücken zum Beispiel. Das Wissen, egal was passiert diese Autobahn nicht verlassen zu dürfen. Keine der Abfahrten war erlaubt. Transit halt. Was rechts und links davon lag, war für mich als Kind so fern wie der Mond, unerreichbar.

Und dieses unbeschreibliche Gefühl für ein Berliner Kind Felder zu sehen. Wiesen, Wälder, Äcker. Landschaft. Einfach Landschaft ohne Häuser. Das war eben nur möglich, wenn man richtig weg fuhr. Keinen Ausflug, sondern Urlaub, woanders hin. Nur dann gab es das. Diese Landschaft, das war immer schon ein Teil des Urlaubs, ein Geschenk am Anfang und der kleine traurige Tropfen am Ende zum Nicht-Sattsehen-können. Genauso exotisch wie das Meer und ebenso so schön.

Dieses Staunen, das meinte ich am Anfang. Das habe ich heute noch jedes einzelne Mal, wenn ich losfahre und hier Landschaft ist. Einfach so. Ich kann in diese Dörfer fahren oder kann eine Stunde im Kreis fahren und wiederkommen, einfach so. Kann das Auge sich sattsehen lassen am Grün, am Himmel und am Horizont. Ich bin dankbar dafür, jedes Mal und ich glaube, ich werde es nie wirklich als selbstverständlich nehmen.

Ich weiß von einigen Berlinern, dass es ihnen auch so geht. Und ich weiß, dass ich dieses Gefühl nicht wirklich jemandem vermitteln kann, der woanders lebt. Oder jemandem, der Berlin nie mit Mauer er-lebt hat.

Es ist ein bißchen, als ob Ihnen jemand das Meer vor die Tür gepackt hat: Wunderschön und toll, aber immer noch ein wenig surreal, auch nach zwanzig Jahren.

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7 Antworten zu Jubiläumsgedanken

  1. Claudia schreibt:

    An das fehlende Lachen kann ich mich auch erinnern: Wenn wir uns mit dem Zug dem Bahnhof Gerstungen näherten, dann senkte sich eine Stille über alles. Gut eine Stunde stand man dann am Grenzübergang. Draußen Grenzer mit Waffen und Hunden. Besonders gefürchtet waren die Frauen, sie kontrollierten streng. Und beim Kofferöffnen mussten alle (außer meiner Mutter) aus dem Abteil raus.

  2. Daniela schreibt:

    Das haben Sie sehr schön geschrieben, Frau Miest. Ich erinnere mich an das Gefühl im Übergang Friedrichstadt (hieß der so? Ich war bloß Katholikentagsteilnehmerin), dass jeden Moment einer dieser nicht lächelnden Grenzbeamten jeden hätte verhaften können. Sehr unschön. Und damals war die DDR schon fast vorbei.

  3. Lotta schreibt:

    Hallo Frau Miest,

    sie haben das Westberliner Gefühl sehr gut rüber gebracht. Diese viele Landschaft und die Seen sind für mich auch immer noch unvorstellbar, so als 2 Jahre nach der Mauer geborene Berlinerin. Das kann kein „Westdeutscher“ verstehen!

    Zum Transit fällt mir immer noch der obligate Telefonanruf bei meiner Oma ein, so am letzten Rasthof (z.B. Herleshausen): „wir fahren jetzt in die Zone, wir melden uns dann in ein paar Stunden wenn wir in Berlin sind“ und dann das bange warten der Oma am Telefon, wenn die Staus zu lang waren und die Reise mal wieder 2 Stunden länger dauerte…Abhören der Nachrichten (Rias natürlich), ob es irgendwelche „Zwischenfälle“ gegeben hat. Das gehörte auch in meiner Kindheit obligatorisch dazu.

    Grüsse (inzwischen aus der Schweiz mit viel Landschaft) Lotta

  4. Stef schreibt:

    Im Gedächtnis sind mir die Transitfahrten mit dem Nachtzug. Die Reichsbahnwagen mit dem ganz besonderen Duft. Der nette Willkommensgruß via Lautsprecher in Rudolstadt („Reisende, Sie befahren jetzt…“). Aber auch manche Gespräche mit Bürgern aus einem anderen Land, einer anderen Welt, leise, interessierte Gespräche, aber kein Austausch von Adressen. Und an die Grenzübertritte am Bhf. Friedrichstraße (den ich als „Bundesbürger“ nutzen durfte/musste), natürlich direkt beim ersten Mal inklusive Kontrolle in einem hypschen Zimmer durch netten Grenzbeamten. Und jedesmal, wenn ich heute von der Arbeitsstelle über die Bernauer Straße hinweg in den Wedding zum kurzen Einkauf gehe überquere ich den alten Mauerstreifen, und eine Gänsehaut überkommt mich.
    Auch nach 20 Jahren irgendwie noch ein Wunder.

  5. Musematschka schreibt:

    Ich als „Wessi“ und noch dazu kleines Kind beim Mauerfall habe überhaupt keine Ahnung, von was da gesprochen wird, denn da es „drüben“ keine Verwandten gab, fehlte auch der Bezug gänzlich. Bis heute hat sich – leider – auch kaum etwas geändert und wenn ich mal über die ehemalige Grenze fahre, dann finde ich das normal.
    Aber wenn ich diesen Text so lese, bekomme ich Gänsehaut. Völlig surreal das Ganze – und für Sie normal!
    Allerdings kann ich nun auch besser nachvollziehen, warum es meine Kinder an der Arbeit quasi gar nicht tangiert, wenn ich von der DDR erzähle. Für sie ist nur wichtig, dass man da einen Tag im Oktober frei hat…

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