Ein Jahrzehnt

Heute vor zehn Jahren – da war zunächst noch gar nicht dran zu denken, dass Frau Miest ein Wunsch erfüllt werden sollte, der sich im Schwangerschaftstagebuch unter dem 3. Februar wie folgt las:

„Ich möchte ja nicht drängeln, aber: raus jetzt!“

Schließlich war gerade erst die 35. Schwangerschaftswoche rum. Gut, wir wußten durch ziemlich engmaschige Kontrollen, dass die Kinder soweit groß und schwer genug (hah! Um je 500g verschätzt haben sie sich mit ihren Messungen), ausreichend entwickelt und fit waren. Aber eigentlich hätte ich noch fünf Wochen gehabt. Na gut, an fünf Wochen glaubte bei einer Zwillingsschwangerschaft niemand wirklich.

Nachdem ich allerdings nun mehr bereits länger sämtliche Parkbänke und anderen Sitzmöglichkeiten in unmittelbarer Umgebung kannte, weil die Strecke, die ich ohne Pause laufen konnte ca. 75 m waren; jedes Aufstehen einen kleineren Kran erforderte – und das mehrmals pro Nacht, denn so richtig Platz hatte die Blase auch nicht mehr – war ich der Meinung, diese Schwangerschaft (die sonst wirklich toll war und die ich sehr genossen hatte), die könnte bittedanke JETZT enden.

(Frau Brüllen: Kommen Sie mir nicht noch mal mit „Tonne“, ok?)

Nun, am 4. Februar hatten wir vormittags einen Termin in der Geburtsklinik zur Vorstellung beim Oberarzt. Der mir sehr in Erinnerung geblieben ist, einfach weil er furchtbar unangenehm war, besonders zu seinem armen Assistenzarzt, welcher mir ausgiebigst leid tat. Der schickte uns nach Hause mit einem Termin für die nächste Woche, zur nächsten Kontrolle, an die wir eigentlich auch fest glaubten. Nun, der Miest-Mann brachte mich nach Hause und fuhr dann ins Büro, ich legte mich ziemlich unmittelbar schlafen, denn so ein Ausflug ist zu dritt äußerst anstrengend…

Aufgewacht bin ich dann gegen 17.00 Uhr von einer nicht unerheblichen, plötzlichen Nässe. Ja, auch wenn frau sich im Bett umdreht kann die Fruchtblase platzen. Bzw. wenn der oben liegende Sohn bereits Fingernägel hat… aber das erfuhren wir erst später.

Nun hatte man Frau Miest im Geburtsvorbereitungskurs eingeschärft bei einem vorzeitigen Blasensprung nur ja nie aufzustehen sondern sich möglichst liegend von der Feuerwehr in die Klinik bringen zu lassen. Ok, ich gebe zu, zur Toilette und zum Telefon bin ich gelaufen, auch weil ich gerade ein paar Stunden vorher bestätigt bekommen hatte, dass Sohn Nummer eins seinen Kopf schon brav in den Ausgang gepropft hat. Aber die 112 habe ich gerufen und den Storchenwagen (den gab es damals noch in Berlin. Ein Krankenwagen mit Hebamme und extra ausgebildeten Sanis) geordert. Der arme Mann, der den Anruf annahm hörte aber wohl nur „Zwillinge, fünf Wochen vor Termin, Blasensprung“ und schickte erst mal einen normalen Wagen und den Storchenwagen dann hinterher. So konnten mich dann vier Feuerwehrleute die Treppen runtertragen (sitzend übrigens) und Frau Miest durfte feststellen, dass die Sirene eines Krankenwagens zum Glück innendrin viel leiser ist als von außen.

Blaulicht und Sirene gab es übrigens nur, weil ich noch einmal quer durch die Stadt zu meiner Wunschklinik durfte und sie wohl keine Lust hatten, sich eine Stunde durch den Berufsverkehr zu quälen…

Den Miest-Mann hatte ich auch noch benachrichtigt, der ließ sich von einem Kollegen zur Klinik fahren und kam nahezu zeitgleich an. Ein bißchen Aufnahmegedöns, ein paar Untersuchen, noch mal schallen, dann mußen wir uns nun wirklich und endgültig der Frage stellen, ob Kaiserschnitt oder nicht. Sectio wird mittlerweile bei Zwillingen gern gemacht, wenn auch nicht zwingend. Bei uns kam dazu, dass das deutlich größere Kind oben lag und dieses Kind Probleme an einem Knochen hatte, deren genaues Ausmaß niemand benennen konnte, die aber dafür sorgten, dass sie ihn ungern an einem Bein herausziehen wollten. Er lag aber quer und es war nicht klar, in welche Richtung er sich drehen würde, wenn sein Bruder erst mal raus wäre. Deshalb entschlossen wir uns dann doch gleich zum Kaiserschnitt, damit nicht eine Notsectio draus werden würde (ich gebe zu, die mittlerweile einsetzenden Wehen machten die Entscheidung etwas leichter).

So wurde ein größerer Saal gefüllt mit erstaunlich vielen Ärzten, Schwestern, Anästhesisten und nicht zuletzt dem Miest-Mann und mir. Frau Miest bekam eine Spinalanästhesie und dann lag sie da und wartete, dass die Betäubung wirken würde. Hinter dem Sichtschutz sah ich den Arzt ab und an hantieren, spürte immer mal wieder ein leises drücken und dachte, auch er würde warten, bis alles richtig betäubt war. Die ganze Zeit war ich sehr auf dem Sprung, ihm zu sagen, dass er noch nicht schneiden dürfe, weil ich ja noch was fühlte. Das habe ich so lange gedacht, bis ich Sohn Nummer eins schreien hörte und die Erkenntnis hatte: „Er hat ja doch schon geschnitten“. Überraschung.

Sohn eins war kaum an mir vorbei hinausgetragen, da kam auch schon Sohn zwei (zwei Minuten später), beide verschwanden mit dem frisch gebackenen Papa. Und das zusammenflicken von Frau Miest dauerte erheblich länger als das rausholen, nicht nur subjektiv. Aber irgendwann waren wir dann tatsächlich alle vier zusammen in einem Zimmer und durften noch ein wenig kuscheln, bevor die Zwerge für eine Nacht auf die Neonatologie gebracht wurden.

Da waren sie, diese kleinen, großen Wunder, die noch immer das Beste und Wichtigste in meinem Leben sind. Einerseits waren sie so unglaublich winzig – andereseits war die Vorstellung, dass sie beide noch einen Tag vorher in meinem Bauch waren irgendwie monströs. Außer ein paar Wärmflaschen und die ersten Tage Stoffwindeln (Erstlingseltern und Stoffwindeln… ich sage ihnen… für die erste Windel hat der Miest-Mann 45 Minuten gebraucht. Ja, auch wir fragen uns heute, was man 45 Minuten an einem Kind windeln kann) haben sie allerdings nichts gebraucht.

Wegen einiger Besonderheiten mussten wir dann noch einige Tage länger in der Klinik bleiben (ja, ich weiß was ein Lagerkoller ist), unter anderen wegen eines ersten Harnwegsinfekts, der Sohn Nummer zwei gleich mal zu Mork vom Ork machte und mich in den Baby-Blues stürzte.

Aber alles wurde gut und heute sind die Bengel 10 Jahre alt, riesig, fit, frech, superlieb und die tollsten Kinder von der Welt.

Herzliche Glückwünsche meine süßen, großen Jungs!

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20 Antworten zu Ein Jahrzehnt

  1. anabel71 schreibt:

    Happy Birthday an die lieben Buben :)

    anabel

  2. Claudia schreibt:

    Glückwunsch den beiden Jungs zur 10 und Ihnen zu den beiden tollen Jungs!

  3. Nicole schreibt:

    Hach, was für ein schöner Bericht. Ich krieg bei sowas ja immer Pipi in die Augen. *schnief*

    Ich gratuliere ganz herzlich zum ersten runden Geburtstag! Feiert schön, lasst Euch reich beschenken, habt liebe Menschen um Euch und genießt die Zeit.

    Auch an die Mama (und den Papa natürlich) herzliche Gratulation!

    Liebe Grüße
    Nicole

    PS: Am zehnten Geburtstag meiner Tochter dachte ich „Wo ist die Zeit hin?Nochmal zehn Jahre und sie ist vielleicht schon daheim ausgezogen“. Dieses Jahr wird sie schon 14… Wahnsinn!

  4. tante liesbet schreibt:

    Herzliche Glückwünsche an die Halbstarken!
    (Boah, waren die Haare lang!)
    LG Doris

  5. Frau Antonmann schreibt:

    Und auch von den Antonmenschen die allerherzlichsten Glückwünsche an die beiden Zehnjährigen.

  6. steffi schreibt:

    alles liebe zum ersten vollendeten jahrzehnt für die jungs und auch für 10 jahre elternsein.

    der bauch: voluminös ;-)
    die haare: heute viel besser!!!

    lg
    steffi

  7. pepa schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch den beiden großen Männern!

    (Und Muttern und Vatern selbstverständlich auch.)

  8. Bini. schreibt:

    auch von mir: herzlichen glückwunsch zum 10-jährigen :) euch allen -lächel-

  9. Frau Brüllen schreibt:

    Alles Gute! (und ich mein ja nur: Tonne = oben so breit wie unten. Bei Ihnen war das eher so eine Birnenform. Ganz schön grosse Birne ;-))

  10. Tina schreibt:

    Wow – was für eine Wampe! Bestand nicht die Gefahr für dich, nach vorn überzukippen? :-)

    Als deine Jungs kamen, war meine kleinste Tochter schon 4 Wochen alt (sie kam am 4. Januar zur Welt), übrigens. Aber das hatten wir, glaube ich, schon festgestellt.

    Viel Spaß beim Feiern! 8 Jahre noch! :-)

  11. Jeanie schreibt:

    Ganz herzlichen Glückwunsch an die beiden großen Buben! Und auch an die Mama zu zwei solchen Prachtsbengeln ;-)) (Meine MIttlere ist grade mal 35 Tage älter *g* Sie wurde am 01.01. 10 Jahre alt)

    Und denkeschön für den tollen Bericht – ich hatte schon wieder feuchte Augen….

  12. dasmiest schreibt:

    Herzlichen Dank zusammen. Die Familienfeier ist überstanden, die Kinderfeier folgt erst Ende März, wir müssen Kräfte sammeln ;-)

  13. tanja schreibt:

    Wenn auch verspätet, aber nicht minder herzlich: Alles Liebe zum Doppelgeburtstag!

  14. DüneSieben schreibt:

    Verspätet, ich weiß: Von Zwillingsmutter zu Zwillingsmutter nachträglich die allerherzlichsten Glückwünsche!

    Und toll, der Bericht, danke! Ich erinnere mich auch nur zu genau an dieses Gefühl „ich kann w i r k l i c h keinen Tag länger schwanger sein“ und die Ärzte die meinen „nun warten Sie doch noch mal eine Woche!“ Hallo? Eine WOCHE?

    Alles gut gemacht, liebes Miest!

  15. dasmiest schreibt:

    Ja, die Monsterbauchendschwangerschaft. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das noch fünf Wochen weiter ausgesehen hätte. Und liebe Frau Düne, ein wenig (sehr) beneide ich Sie um die andere, die Einlingsschwangerschaft zusätzlich, die wahrscheinlich nicht ganz so anstrengend war.

  16. multiples schreibt:

    *ups* ist irgendwie an mir vorbeigegangen…

    Auch von mir einen Herzlichen Glückwunsch nachträglich!

  17. multiples schreibt:

    klasse Header übrigens :-D

  18. schlapunzel schreibt:

    Ach, erst jetzt! hab ich mit großer Begeisterung ihren Bericht gelesen und das Bild genauestens betrachtet…au weia…liebes Miest, wie haben Sie das nur überhaupt so lange ausgehalten!? Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Bauch auch bald so aussieht und eine wahnsinns Kugel wird! Hat sich der Bauch jemals wieder normalisiert!? Aber toll, die Bilder von ihren Jungs! Ich bin ganz gerührt und versuche mir gerade vorzustellen, ob meine beiden wohl auch so gesund, munter und wunderschön zur Welt kommen werden (und bitte hoffentlich auch ein wenig früher , so, dass alles gut ist)

  19. dasmiest schreibt:

    Liebe Frau Schlapunzel, der Bauch wird ungeheuerlich werden – und dann noch ein wenig dicker. Machen Sie viele Fotos, denn so rund werden Sie nie wieder! Und ja, der Bauch geht wieder weg. Soweit, wie nach jeder anderen Schwangerschaft halt auch, also fast ganz. Ich hatte nicht mal nennenswerte Schwangerschaftsstreifen und heute ist alles wieder recht flach, nur eben etwas weicher ;-). Aber vier Wochen nach der Geburt passte ich wieder in die alten Hosen. Die Oberweite hielt sich ob des Stillens etwas länger :-). (Und lassen Sie sich nicht verunsichern: Frau kann Zwillinge stillen.)

    Wenn Ihnen mal nach Gedankenaustausch ist, auch später: gerne auch per mail.

  20. schlapunzel schreibt:

    Oh, für Gedankenaustausch bin ich immer offen! V.a. kann ich mir im Moment gar nicht vorstellen, wie das Alltagsleben mit zweien (dreien) für mich allein zu bewältigen sein wird…wenn die beiden da sind, würde ich mich freuen, ab und zu mal nachfragen zu dürfen! Und der Bauch wird dicker, dicker, dicker…hmm…ich habs befürchtet…aber dass Ihrer wieder flach ist, das baut mich auf :-) Und das mit dem Stillen, das hab ich mir mal vorgenommen, ich fänds schade, wenn es nicht klappen würde, aber das sehe ich relativ entspannt…. Oh Wahnsinn, solche Fotos von Ihnen und den Babies, das macht mich im Moment ganz wuschig….. ;-)

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