Tabuthema

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Strafbarkeit von inzestuösen Verbindungen finde ich falsch.

Da muss man glaube ich sehr vieles sehr genau auseinanderhalten:

Das Argument der Erbschäden.

Also erstmal ist nicht eindeutig erwiesen, dass Kinder naher Verwandter tatsächlich ein erhöhtes Risiko haben, jedenfalls nicht nach nur einer Generation, da gibt es sehr unterschiedliche Studien. Nun ist es natürlich schwierig zu sagen, drei Generationen dürfen Kinder kriegen, die vierte aber nicht mehr, das wird mit der Gleichbehandlung kompliziert (auch wenn die Fälle in der Praxis nur selten auftauchen dürften). Oder überhaupt nur: Sex dürft ihr haben, aber euch nicht fortpflanzen – was ja auch eine Möglichkeit wäre, dieses Argument auszuhebeln (wenn man allen das Kinder kriegen verbieten wollte, die keine haben sollten, dann wäre der Aufschrei aber groß und das zu Recht). Und wichtiger noch: Was bitte ist das überhaupt für eine Wertung? Wen schütze ich denn, wenn ich verhindern will, dass behinderte Kinder geboren werden? Die Kinder, die Eltern, die Gesellschaft? Warum sind behinderte Kinder nicht gleich viel wert, gleich erwünscht wie nicht behinderte?

Dann das Argument, da sei häufig eine Ausnutzung eines schwächeren Beteiligten im Spiel.

Hm. Also das mag ja sein, aber da greifen dann erstens andere Normen zum Schutz Minderjähriger oder Schutzbefohlener beispielsweise. Zweitens: Wenn der Staat jede Beziehung auflösen wollte, in der einer vom anderen abhängig ist, dann hätte er viel zu tun.

Es geht hier nicht um den Fall, dass ein Vater seine Tochter mißbraucht. Es geht um zwei Erwachsene, die freiwillige Entscheidungen treffen. So freiwillig, wie jeder von uns das in Fällen der Liebe und des Sexes tut.

Es geht im konkreten Fall noch nicht einmal um das Unwohlsein, dass aus dem geschützen Bereich der Familie ein sexueller Bereich wird. Denn im Fall, der zu entscheiden war, sind die Geschwister eben nicht miteinander aufgewachsen, haben nicht als Familie gelebt, sondern sich erst Erwachsen kennengelernt. Es gibt auch Studien, nach denen Kinder, die zusammen in den ersten sechs Lebenjahren aufwachsen, sich nicht ineinander verlieben, egal ob verwandt oder nicht, weil die sozialen Bindungen eben einfach andere sind. Ich finde einen Woody Allen, der ein Verhältnis mit seiner sozialen Tochter, die als solche gelebt hat, anfängt wesentlich verwerflicher und moralisch fragwürdiger als diesen Fall, aber er darf das, denn es besteht ja keine Verwandtschaft. Das ist doch widersinnig.

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4 Antworten zu Tabuthema

  1. stadtfrau schreibt:

    hast du gut geschrieben und argumentiert. ich habe mich mit dem thema eigentlich noch nie auseinandergesetzt, man wächst ja mit der vorstellung auf „inzest ist pfui“. habe heute einen interessanten artikel dazu gelesen, in dem eben auch die frage gestellt wurde, ob ein staat überhaupt interesse daran haben darf, potenziell behinderte kinder zu verhüten. ich wusste auch nicht, dass inzest in anderen ländern straffrei ist.

    und die sache mit woody allen habe ich schon mal in meinem blog angesprochen, sehe ich genau so wie du!

  2. bensheim schreibt:

    Haben nicht auch behinderte Kinder erst einmal das Recht gesund zur Welt zu kommen? Oder soll man das automatisch in Kauf nehmen und eine Liebe vor das Leben stellen? Wer will hier die Verantwortung übernehmen?

    Ich finde die Entscheidung des BGH absolut richtig. Der Staat kann hier nicht tatenlos zusehen zumal sich die beiden nicht gerade verantwortungsvoll gegenüber ihrem Nachwuchs verhalten. Sie haben ja nicht nur ein Kind sondern gleich 4. Wer kommt denn für diese Kinder auf? Die Gesellschaft doch wohl. Einige fragen sich wieso man den Kindern den Vater nimmt und ihn ins Gefängnis steckt. Lautet die Frage aber nicht, wieso es erst dazu kommen musste? Soweit mir bekannt ist, wusste das Geschwisterpaar bereits nach dem ersten Kind – oder schon davor – dass ihre Liebe keine Zukunft haben kann und darf. Bereits da hätten sie sich ihrer Verantwortung bewusst sein müssen und keine weiteren Kinder in die Welt setzen dürfen.

    Grüße aus Bensheim

  3. Melody schreibt:

    Sehr interessantes Thema, und mutig von dir, dich darauf einzulassen. Dass Inzest strafbar ist, wusste ich vor dieser Boulevardgeschichte gar nicht, ich empfinde ihn allerdings auch eher als biologisches Tabu, nicht unbedingt als ein gesellschaftliches. Die Frage ist ja: Wenn man ihn allgemein erlaubt, wer würde das für sich ausnutzen? Sicher eher die zu netten Onkels und fehlgesteuerten Papis mit ihren vielen Möglichkeiten, Vertrauensverhältnisse ins Abseits zu steuern, als die sich erst in späten Jahren kennen lernenden Geschwister.

  4. Tina schreibt:

    Schwierig und zwar eines der schwierigen Themen, bei denen ich heilfroh bin nicht entscheiden zu müssen.

    Inzest ist in unserer Kultur sicherlich traditionell ein Tabu. In anderen Kulturen, wi ezum Beispiel bei den alten Ägyptern, war es sogar ein „Muss“ dass der Pharao seine Schwestern mit im Harem hatte um das göttliche Blut nicht zu gefährden.

    Ich habe mich allerdings nie damit beschäftigt, wie Inzest in heutigen Tagen in anderen Kulturen betrachtet wird – ich bin immer davon ausgegangen, dass er weltweit geächtet wird. Deine Argumente halte ich für durchweg schlüssig und dennoch habe ich dabei Bauchweh – Erziehung? Jedenfalls habe ich etwas Neues zum drüber nachdenken.

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